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Künstlerische Auseinandersetzung mit einer Urkatastrophe

Autor: Horst Schinzel am 28.01.2015

Krebse

(Von Horst Schinzel) - Im Januar 1945 sollte der nach einem ermordeten NS-Reichsleiter in der Schweiz benannte „Kraft durch Freude“ –Dampfer Wilhelm Gustloff über 10.000 flüchtlinge und Verwundete von Gdingen- damals Gotenhafen – in den Westen bringen. Noch in der Nacht des Auslaufens wurde das Schiff von einem sowjetischen U-Boot torpediert.. Dabei verloren über 9.000 Menschen ihr Leben – angeblich die bis heute größte Schiffskatastrophe überhaupt. Nobelpreisträger Günter Grass hat sich mit diesem Geschehen 2002 in seiner Novelle „Im Krebsgang“ auseinandergesetzt. Und jetzt haben Künstler aus dem Ostseeraum das schlimme Geschehen reflektiert. Eine Ausstellung im Lübecker Grass-Haus „War eigentlich ein schönes Schiff…“ dokumentiert diese künstlerischen Auseinandersetzungen.

Zwischen der Hoffnung auf Sicherheit und dem Tod in der eisigen See lagen nicht einmal zwölf Stunden: Am 30. Januar 1945 lief das einstige Kreuzfahrtschiff „Wilhelm Gustloff“ aus. Die meisten Passagiere waren Frauen und Kinder, Zivilisten aus Ostpreußen und Pommern, aber auch deutsche Soldaten. In den Abendstunden wurde das Schiff vor der Küste von drei Torpedos eines sowjetischen U-Boots getroffen. Rund 9000 Menschen starben. „Die meisten Menschen glauben, das schwerste Schiffsunglück aller Zeiten war der Untergang der Titanic. Von der ,Gustloff‘ haben viele noch nie gehört“, sagt Iwona Bigos, Direktorin der Städtischen Galerie Danzig (Gdansk). Die Lübecker Ausstellung ist in Zusammenarbeit mit der von ihr geleiteten Galerie entstanden und zeigt im ersten Teil, wie Günter Grass dieses Ereignis in seiner 2002 erschienenen Novelle „Im Krebsgang“ verarbeitet. Sie geht den literarischen Vorläufern im Gesamtwerk des Autors nach und beleuchtet die Entwicklungsgeschichte und die Rezeption des Werks. Auf einem Hörpfad – eingesprochen von dem Schauspieler Mario Adorf - wandern die Besucher durch das literarische Oeuvre des Nobelpreisträgers und erfahren, in welcher Form das Thema „Flucht und Vertreibung“ bereits in seinen früheren Werken auftaucht. Das Originalmanuskript in verschiedenen Stadien sowie zahlreiche Recherchematerialien geben Einblick, wie die Novelle vom ersten Entwurf bis zur druckfertigen Version entstanden ist.

Unter dem Titel „Schiffe versenken“ notierte Günter Grass im Oktober 2000 erste Gedanken zu einem Buch über den Untergang der „Wilhelm Gustloff“. Er sichtete das Material, das der Historiker Olaf Mischer für ihn recherchiert hatte, fand aber zunächst keinen literarischen Zugang. Erst als ihm in der Nacht zum 2. Februar 2001 schließlich die Idee kam, seine Figur Tulla Pokriefke wieder aufleben zu lassen, begann der Schreibprozess. Am 17. Februar startete Grass mit der Niederschrift des ersten Textentwurfs und entschied sich endgültig für den Titel „Im Krebsgang“. Er wählte damit eine Metapher für die vielschichtige Erzählstruktur der Novelle, die er auch im Buch erklärte: „Aber noch weiß ich nicht, ob [...] ich der Zeit eher schrägläufig in die Quere kommen muß, etwa nach Art der Krebse, die den Rückwärtsgang seitlich ausscherend vortäuschen, doch ziemlich schnell vorankommen.“

Der zweite Teil der Ausstellung im Günter Grass-Haus präsentiert Reflexionen über den Untergang der „Wilhelm Gustloff“ von zeitgenössischen Künstlern aus Polen, Russland, Deutschland und Schweden. Die Versenkung dieses und anderer Schiffe während des Zweiten Weltkriegs, die heute als Seekriegsgräber und Denkmäler tief unter der Meeresoberfläche liegen, wird in den jeweiligen Ländern sehr unterschiedlich betrachtet und bewertet. Die Arbeiten von Magnus Petersson, Jonas Dahm, Jörg Herold, Evgeny Umansky, Anna Steller und Hubert Czerepok beleuchten diese verschiedenen Blickwinkel der Nachbarländer und die unterschiedliche symbolische Bedeutung, die das Ereignis dort hat, von einem künstlerischen Standpunkt aus.


Die von Iwona Bigos, Tatjana Dübbel, Martin Schibli und Jörg-Philipp Thomsa kuratierte Ausstellung will so in einem weiteren Kontext auch neue Perspektiven für eine gemeinsame Zukunft öffnen.

 

Die Künstler

JONAS DAHM

Die Unterwasseraufnahmen der „Wilhelm Gustloff“ zeigen den fortschreitenden Verfall des Wracks, das seit 70 Jahren auf dem Meeresboden liegt. In der Dunkelheit, 42 Meter unter der Oberfläche der Ostsee, ist das einst stolze Kreuzfahrtschiff der Nationalsozialisten natürlichen Prozessen ausgesetzt, die es immer weiter zerfallen lassen. Nachdem die Überreste mehrfach geplündert wurden, ist das Schiffswrack heute als Seekriegsgrab ein geschütztes Denkmal.

Jonas Dahm wuchs an der Westküste Schwedens auf und unternahm bereits im Alter von 10 Jahren gemeinsam mit seinem Vater die ersten Tauchgänge. Seither fasziniert ihn die Suche nach versunkenen Schiffen ebenso wie die Geschichte der Seefahrt. Seine ersten Unterwasser-Fotografien machte Dahm als Minenräum-Taucher während seines Militärdienstes. Gemeinsam mit Carl Douglas (Deep Sea Production) und Ola Oskarsson hat er seit den 1990er Jahren mehr als 100 Schiffswracks in der Ostsee entdeckt. Darunter die „Steuben“, die „Svärdet“, die „Prinz Albert“ und das britische UBoot E18 aus dem Ersten Weltkrieg. Heute arbeitet Jonas Dahm hauptberuflich als Fotograf und Taucher für Deep Sea Production/MMT. Er sammelt dabei Material für ein neues Buch, das er zusammen mit Carl Douglas herausgeben will. Es wird sich vor allem auf die Bilder konzentrieren und darauf, wie Geschichte durch die Kameralinse gesehen wird.

 

HUBERT CZEREPOK

Mit seinem Film „Revision of Memory“ will Hubert Czerepok beim Betrachter Angst und Ungewissheit hervorrufen. Die gleichen Gefühle, wie sie die erste Gruppe von Häftlingen erfahren hat, die am 14. Juni 1940 von Tarnow nach Auschwitz transportiert wurde. Inspiriert wurde Czerepok zu diesem Film vom „Zug der Erinnerung“, einer Ausstellung über das Schicksal jüdischer Kinder, die überall aus


Europa in die Konzentrations- und Vernichtungslager im Osten deportiert wurden. „Revision of Memory“ basiert darauf, dass die Überlebenden von Auschwitz nach ihrer Befreiung die gleiche Zugstrecke noch einmal zurückfahren mussten, auf der sie zuvor in das Lager gebracht worden waren.


Hubert Czerepok wurde 1973 in Słubice (Ost-Görlitz)) geboren. Er studierte an der Akademie der Künste in Poznań (Posen), wo er 1999 seinen Abschluss machte. In seinen Arbeiten beschäftigt sich Czerepok seit einiger Zeit mit der Beziehung zwischen Fiktion und historischer Wahrheit. Dabei interessiert er sich weniger für die eigentlichen historischen Fakten. Er lenkt seinen Fokus vielmehr darauf, wie diese sich formal und semantisch verändern und verwandeln. Seine Werke sind in Einzel- und Gruppenausstellungen in Europa und den USA gezeigt worden, u.a.:


Lux Aeterna (Żak | Branicka Gallery, Berlin, 2012); Cultural Transference (Efa Project Space, New York, USA, 2012); A Part of No-Part: Parallelisms Between Then and Now (Chelsea Art Museum, New York, USA, 2010).

 

EVGENY UMANSKY

Die Videoinstallation „Monument“ (2014) basiert auf der Annahme, dass der Zufall in der Geschichte eine wichtige Rolle spielt. Sie besteht aus zahlreichen Fotos, die nach einer Theorie zufälliger Zahlen so programmiert wurden, dass sie in zufälliger Anordnung auf dem Bildschirm erscheinen. Sie erzeugen seltsame Kombinationen und verbinden sich in einer völlig unlogischen Konstruktion, die sich niemals zu einem Ganzen fügt. Es bleibt nur eine endlose Anzahl von Zufällen. Die Bilder zeigen Fragmente des Denkmals, das im Jahr 1990 in Kaliningrad (heute Russland) zu Ehren von Alexander Marinesko errichtet worden ist. Zunächst unehrenhaft aus der Marine entlassen, wurde der U-Boot Kommandant 27 Jahre nach seinem Tod rehabilitiert und von Michail Gorbatschow posthum zum Helden der Sowjetunion ernannt.

Evgeny Umansky wurde 1961 in Nižnij Tagil, in der Ural-Region der Sowjetunion geboren. Er lebt und arbeitet als Künstler und Kurator in Kaliningrad. In seinen Arbeiten verwendet er bereits vorhandene ästhetische Entwicklungen und künstlerische Reflexionen anonymer Autoren (Graffiti und Street Art sowie Massenmedien und Werbetechniken) und interpretiert das Quellmaterial auf eigene Weise. Seine Werke sind in russischen und internationalen Ausstellungen präsentiert worden, u.a.: 5th and 6th International Art Symposium „Alanica“ (Vladikavkaz, Nordossetien, Russland, 2012, 2013); 1st Ural Industrial Biennale of Contemporary Art (Jekaterinburg, Russland, 2010); „Monster - Menschen, Mörder, achtmaschinen“ (Dresden, 2008).

 

ANNA STELLER

Zu ihrer Performance „Unrelenting Beauty of Disaster“ (Die erbarmungslose Schönheit der Katastrophe) schreibt Anna Steller: „Das Ausmaß der Katastrophe nach dem Untergang der Wilhelm Gustloff ist unfassbar. Innerhalb von 63 Minuten fanden mehr als 9000 Menschen den Tod in der eiskalten Ostsee. Ich gehe zurück in eine unbeschwerte Zeit, in der ich als Kind in der frischen Ostsee schwamm. Habe ich unser Meer je als einen der größten Unterwasser-Friedhöfe betrachtet? Eine sentimentale Reise in die Vergangenheit... ein Kind spielt am Strand, hüpft über die Wellen, wirft einen Wasserball in die Luft... Das alles hat dauerhafte Zeichen auf meinem Körper hinterlassen. Das kindliche Spiel wird zur Tragödie, Lachen verwandelt sich in Schreie, die Lust am Tauchen wird zur Todessequenz ... die erbarmungslose Schönheit der Katastrophe ...“


Anna Steller wurde 1979 in Danzig (Polen) geboren. Ab 1993 war sie Mitglied der Compagnie „Dada von Bzdülöw“. Ab 2004 arbeitete sie mit der Theatergruppe „Read My Lips“. 2005 gründete sie zusammen mit Magda Jedra das Künstlerkollektiv „Good Girl Killer“. Sie lebt und arbeitet als Performerin, Tänzerin und Choreografin in ihrer Heimatstadt. In ihren Arbeiten verbindet Steller Performance mit experimenteller Kunst, Musik und Stimme.

 

MAGNUS PETERRSON

Die Bilder der Schiffswracks „Steuben“, „Goya“ und „Wilhelm Gustloff“ hat Magnus Petersson mit einem Seitensichtsonar aufgenommen. Dieses Instrument wird in der Marinetechnologie verwendet und kann Objekte auf dem Meeresboden mithilfe diagonaler Schallwellen orten, die später digital in Bilder umgesetzt werden. Die Technik erlaubt es dem Künstler, sein Objektiv auf das zu richten, was das menschliche Auge nicht sehen kann. So wird die Welt jenseits dessen aufgenommen, was uns normalerweise zugänglich ist.


Magnus Petersson wurde 1971 geboren und studierte von 1999 bis 2004 an der Kunsthochschule Valand in Göteborg (Schweden). Seit mehr als zehn Jahren nimmt Petersson an Expeditionen zur Erforschung von Schiffswracks teil und hat gemeinsam mit Carl Douglas und Marin Mätteknik das Schiffswrack der „»Steuben“ geortet. Er lebt und arbeitet in Halltorp an der Südostküste Schwedens. Seine Werke werden u.a. in Schweden, Russland, Deutschland, Litauen, Polen, Österreich, Dänemark, Slowenien und in den USA ausgestellt. Ein wiederkehrendes Motiv in seinen Arbeiten sind verlassene Räume. Menschen bescheinigen ihre eigene Präsenz durch die Spuren, die sie in verlassenen, verschwundenen oder sogar unerschlossenen Umgebungen hinterlassen.

 

JÖRG HEROLD

Mit seinem „Mahnmal für einen Matrosen“ will Jörg Herold an den Abschuss deutscher Flüchtlingsschiffe in der Ostsee im Jahr 1945 erinnern. Die Idee dazu kamt ihm, als er in einem Geschichtsbuch las, diese Boote seien aufgrund gezielter Falschmeldungen durch die Nationalsozialisten von den Alliierten bombardiert und versenkt worden. Diese These ist jedoch bisher, zumindest was den Untergang der „Wilhelm Gustloff“ betrifft, nicht wissenschaftlich belegt. Mit einem kleinen Boot steuerte Herold die Punkte in der Ostsee an, an denen drei hauptsächlich mit Flüchtlingen besetzte Schiffe torpediert worden sind. Die Koordinaten der dort von ihm ausgesetzten Bojen ergaben ein schiefes Ypsilon. Im Günter Grass-Haus ist ein Kunstwerk Jörg Herolds aus Holz zu sehen. Die Endpunkte der Holzkonstruktion markieren die Abschussstellen.


Jörg Herold wurde1965 in Leipzig geboren und studiert Malerei an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig sowie an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. 1999 wurde er mit dem Kunstpreis der Leipziger Volkszeitung ausgezeichnet und 2005 mit dem Kunstpreis der Stadt Wolfsburg. Seine Werke wurden im In- und Ausland gezeigt, u.a.: Seong-nam Art Center und Leeahn Gallery (Südkorea, 2011); ZKM Karlsruhe und Ludwig Forum Aachen (2009, 2006); documenta X in Kassel (1997); Biennale in Venedig (1995). Für den Bundestag in Berlin entstand 2003 das Projekt „Lichtspur über Datumsgrenze“. Im zugehörigen Datenschlüssel findet sich auch der Untergang der „Wilhelm Gustloff“ als „eines der Ereignisse im Zweiten Weltkrieg, welches hinter der Statistik lebt...“.


Die Ausstellung wird an diesem Donnerstag in der Lübecker Jacobi-Kirche eröffnet und wird bis zum 27. September 2015 gezeigt.




Schlagworte:
museen lübeck

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